April 2018. Als ich den Kofferraum meines Vans öffne, schaut meine alte Hündin Leila neugierig raus. Ich führe sie über die Rampe. Manchmal hat sie Angst, abzurutschen. Oft ist sie schon unsicher auf den Beinen. Trotzdem hat sie noch ihren Stolz und möchte keine Schwäche zeigen! Die Spaziergänge sind viel kürzer und man kommt kaum von der Stelle. Das erfordert Geduld. Sie ist jetzt 14 Jahre, 4 Monate.

Tannheimer Tal, Tirol

Tannheimer Tal, Tirol

Ich sehe es: sie schnuppert in den Wind und hoppelt gleich los! Sie erkennt, daß wir heute im Tannheimer Tal sind. Oder auch, wenn ich andere Orte unseres Wanderlebens aufsuche. Sie freut sich, das merke ich daran, daß sie es eilig hat und trotz ihrer Gehbeschwerden einen ganz kleinen Galopp einlegt oder leichtfüßiger als sonst läuft.

Heute sind wir zunächst in Grän, und laufen dort parallel zur Loipe entlang Richtung Haldensee. Der Untergrund ist schneededeckt und ganz flach und sie genießt es, auf dem Schnee zu laufen. Im tieferen Schnee fühlt sie sich nicht mehr so wohl, das Einsinken bringt sie aus dem Gleichgewicht. Sie sucht aber das Bachufer und ist mal wieder flinker als ich, weil ich gerade ein Foto mache. Schon ist sie im Wasser. Aber zum Glück nicht tief. Puh! Mein Hund strahlt. Hundeglück mit umgerechnet über 100 Jahren! Dier müssen wir auch schon allmählich umkehren! Kaum zu glauben, früher waren es viele Stunden, jetzt Minuten.

Gemütlich zockeln wir zurück. Leila sucht sich genau die schönen Schneeflecken neben dem Weg aus. Sie schnuppert zur Zeit sehr intensiv, hält sich gerne lange auf und untersucht geradezu kriminalistisch die Grashalme oder den Tritt im Schnee. Es sei ihr gegönnt. Zeit ist relativ. Strecke ist relativ. Man merkt, daß sie jetzt nicht schon wieder ins Auto einsteigen will. Aber es geht weiter nach Tannheim, wo ich bei einer Kundin vorbeischaue und ihr einen neue Jacke vorbeibringe. Dafür werde ich auf einen gemütichen Espresso eingeladen, und Leila hält ein Nickerchen in ihrer großen Box im Kofferraum. Temperaturmäßig weder zu kalt noch zu warm.

Nach dem Plausch überlege ich, was wir noch machen. Ich entscheide, nach Tannheim-Berg, also auf die andere Seite zu fahren und in der Schäferstube einzukehren. Da kann Leila auf ihrer Decke liegen und ich lese bei einem Cappuccino und schaue direkt auf das Neunerköpfle.

Dort angekommen, hat die Schäferstube aber leider schon zu. Betriebsruhe. Na, das sei der fleißigen und netten Wirtin gegönnt! Ist aber nicht so schlimm, denn ich habe ja vorausschauend beim M-Preis Tiroler Käse und Vinschgerl eingekauft, das packe ich ein inclusive Kamera und Decke und dann schnappe ich Leila, und folge direkt neben dem Parkplatz der Schäferstube unter dem Einstein dem Feldweg Richtung Grän entlang. Den privaten Feldweg, nicht den asphaltierten.

Meine Güte, was für ein Panorama! Es ist einfach himmlisch hier! Alles liegt hier wie auf dem Präsentierteller: im Uhrzeigersinn die Tannheimer Berge, Gaichtspitze, Krinnenspitze, Neunerköpfle, Sulzspitze, Vilstal, Gaishorn, Rohnenspitze.

Da Leila schon müde ist, zockeln wir nur ein paar Minütchen den Weg entlang, sie schnuppert aber recht viel und ist nur körperlich müde, nach außen hin. Ich denke, daß sie einfach froh ist, daß wir mal was anderes machen , als unter der Woche, und sie das an früher erinnert, wo wir fast jedes Wochenende in den Bergen auf Touren waren, in jeder Jahreszeit, mit viel Ausdauer und Energie., Samstag, Sonntag und manchmal auch unter der Woche. Sie war es immer gewohnt und wollte das auch: gefordert sein. Als Labrador ist das elementarer Bestandteil der Züchtung, man nennt das bei der Rasse „Will to please“ Wobei es nicht das „Folgen“ war, sondern die Selbstverständlichkeit, immer alles zu geben und dabei Glück zu empfinden! Ein treuer Hund. Darum bin ich jetzt auch treu, nutze die Gelegenheiten zum gemeinsamen Bergabenteuer im Miniformat.

Ich möchte meinen Hund im Alter nicht abschieben. Ganz selten gehe ich mal mit Feunden auf Tour, obwohl ich es oft sehr schmerzlich vermisse. Seit der Selbständigkeit bin ich an etlichen Wochenenden beruflich auf Messen und Märkten unterwegs, wo ich sie nicht mitnehmen kann .Sie bleibt dann daheim beim Hundepapa. Wenn ich am Wochenende in meinem Atelier arbeite, geht Leila meistens mit. Treu und ergeben. Darum fahre ich jetzt quasi zum Kaffeetrinken und Berge von unten angucken ins Tannheimer Tal.

Irgendwann wird es vorbei sein. Vermutlich dauert das ja gar nicht mehr so lange.

Wenn ich so in die Berge gucke und auch manchmal, wenn ich an meiner Nähmaschine sitze, laufen vor meinem inneren Auge die Bilder ab, auf dem Einstein waren wir ganz oft, in jeder Jahreszeit, und auch abends im Dunkeln. Auf dem Aggenstein unzählige Male, Brentenjoch, bei guten und auch schlechtem Wetter, Füssener Jöchle auf Skitour, Rote Flüh, Gaichtspitze, Hahnenkamm, Schneetalalpe, Krinnenspitze nur in der Nebensaison, 2010 an Ostern, jetzt 8 Jahre her, Sulzspitze, Traualpsee, Gappenfeldalpe, Landsberger Hütte, Bschießer, Ponten, sogar 2 x auf Skitour dabei, Iseler, Schönkahler . Dann waren wir gerne in Reutte, Tauernspitz, Plansee, Koflerjoch, Dürrenbergalm,2 mal Urlaub im Lechtal, Lechquellengebirge und Bregenzer Wald( Kanisfluh, Winterstaude) und natürlich alle Berge, die nicht zum Klettern sind, im Oberallgäu; Ost-und Westallgäu, die Nagelfluhkette. Im Allgäu und Kleinwalsertal hat Leila mit mir quasi gemeinsam das Skitourengehen erlernt, alle Voralpengipfel und die Kleinwalsertaler Berge Hehlekopf, Steinmandl, und das Toreck im Winter auf Skitour, so ein Ausdauerhund, ein Ausnahmehund. Unglaublich stark und ausdauernd. Bei Felskontakt hat sie sich nie so ganz wohl gefühlt, spürte die Gefahr für Hunde.Ich heiße das auch nicht unbedingt gut, weil man immer damit rechnen muß, daß ein Hund Steine abtritt. Außerdem ist ein unsicherer Hund im Fels fehl am Platze. Da mußte sie beim Herrchen bleiben.

Wenn man mit seinem Hund geht, geht man nie alleine. Oft habe ich mich spontan zu einer Tour entschieden und wenn keiner von meinem Bergfreunden Zeit hatte, oder das Wetter nicht so gut war, habe ich mich ins Auto gesetzt und eine neue Tour ausprobiert oder vielfache Wiederholungen von Lieblingstouren unternommen. Meine Labradorhündin lief dann stets ein paar Meter vor mir, in Serpentinen am Berg stellte sie sich in eine der Kehren und schaute auf mich herab. Sie wollte genauso wie ich den Gipfel erreichen. Nicht zuletzt deshalb, weil auch ein Hund ein Ziel spürt und dieses dazu noch mit Essen verbunden war. In dem Fall, wenn das Wetter schlecht ist, und man kaum Leute trifft, ist es wunderschön, mit seinem Hund zu gehen, denn alleine macht es einfach viel weniger Spaß. Dein Hund blickt Dich an, stellt Fragen, zieht voran und Du fühlst Dich toll im Training. Nur eines konnte sie nie: still im Gras liegen und die Landschaft anschauen. Dazu war sie zu ungeduldig!Eine sehr vertraute Gemeinsamkeit entsteht, eine innere Ruhe, Harmonie, das Gefühl, zusammenzugehören.

Ich breite die Decke und meine warme Jacke aus und lasse mich nieder. Es ist ganz mild. Die Sonne scheint anfangs, wird dann diffus. Es gibt nun etwas zum Essen. Leila ist richtig hungrig. Das macht wohl die frische Luft und die Bewegung. Ich bin froh, denn  seit einigen Wochen ist der Appetit gebrochen.

Wir schauen lange auf die Berge vor uns. Leila will zweimal aufstehen und ist ungeduldig. Ich werte das als ein gutes Zeichen. Dann bleibt sie aber dicht neben mir liegen und läßt sich ein und schaut ebenfalls geradeaus in die Ferne.

Nach vielleicht einer Stunde hält es sie nicht mehr an ihrem Platz. Es ist auch an der Zeit, zurückzugehen. Sie liegt im Auto und ich gehe nochmal ein paar Meter weg und mache Fotos. Die Kofferraumklappe bleibt auf. Als ich zurückkehre, liegt ihr Kopf auf der Kante der Hundebox und sie schläft mit einem Hundelächeln im Gesicht. Sie wird wach und läßt sich gerne streicheln. Einen Moment bleibe ich da noch sitzen und dann schließe ich die Klappe und fahre heim.

 

Tourende mit Sonne

Tourende mit Sonne

 

 

Nachtrag:

Seit dem 23.April ist Leila nun vorausgegangen über die Regenbogenbrücke.

“ Die Bande der Liebe werden mit dem Tod nicht durchschnitten“ (Thomas Mann)