Mit eineinhalb Stunden Puffer bin ich vom Basecamp Ottobeuren gestartet

Angekommen bin ich am Treffpunkt in Zürs 10 Minuten zu spät. Schuld war kein Stau auf der Autobahn, den hatte ich vorausschauend umfahren. Sowohl in Elbigenalp als auch in Lech fanden Musikumzüge statt und beide Ortsdurchfahrten waren gesperrt! In Lech gab es auch keine Umfahrung und so mußte ich tatsächlich eine Stunde vor dem Polizisten mit den breit verschränkten Armen warten. Er riet mir , zu entspannen und zu genießen und so ergab ich mich in mein Schicksal und dachte folgendes: in den Bergen sollte man ohnehin mehr Gelassenheit üben, das ist die erste Lektion nach einer Zeit der komprimierten Höchstleistung in der neuen Selbständigkeit!
Meine siebenköpfige Gruppe der Bergschule stand schon erwartungsfroh bereit und so konnten wir nach kurzer Begrüßung gleich zur Stuttgarter Hütte aufsteigen!Dieter aus der Gruppe kannte ich schon von vier Touren bei der Bergschule, das war natürlich ein herzliches Wiedersehen! Alle anderen waren mir noch fremd. Wir würden uns noch gut kennenlernen, das versprach ich gleich zu Beginn.

Der Rucksack kam mir bei diesem ersten, zweistündigen Aufstieg irrational schwer vor, ich spürte den knallharten Übergang von der Atelierarbeit zum Tourenführen. Genau wie jeder andere in der Gruppe mußte ich erst einmal den Alltag loslassen, denn der wiegt am meisten! An der Stuttgarter Hütte angekommen, verweilten wir noch mit kalten Getränken in der Sonne und genossen die tolle Spätnachmittagsstimmung und die beeindruckende Aussicht! Uns alle erfasste Vorfreude auf das naheliegende Abendessen und vor allem auf die nächsten, spannenden Wandertage ins Ungewisse!

Auf der Hütte war die Atmosphäre sehr angenehm und unkompliziert, und so starteten wir am Montagmorgen in unser Abenteuer Lechtaler Höhenweg. Dank der guten Wetter- und Wegverhältnisse konnten wir den anspruchsvollen Boschweg unter der Roggspitze Richtung Pazielferner zur Valluga nehmen. Schneefelder gab es zum Glück keine mehr, vor einigen Jahren gab es da ganz steile, große zu queren, da sollte man sich immer erkundigen. Dafür beobachteten uns Steinböcke – etwas mitleidig, wie es schien!  Der Aufstieg zur Valluga im großen Kar des nicht mehr vorhandenen Pazielferners war fordernd mit dem schweren Rucksack, aber schließlich konnten wir die perfekte Aussicht des 2809 m hohen Gipfels genießen. Das erste große Highlight der Tour! Über das Valfagehrjoch ging es nun weiter. Kaum noch Schneefelder Mitte Juli – oh jeh :( das warme Klima macht sich bemerkbar! Unterhalb des Arlberger Klettersteiges führte unser Weg ausgesetzt und schotterig durch einige Schrofen mit Drahtseilversicherungen durchaus anspruchsvoll stetig bergan, bevor es dann naturgemäß steil bergab ging :) Erfolgserlebnis Nummer zwei! ( Anm.: Bei schlechtem Wetter sollte man auf jeden Fall den leichteren Weg von der Stuttgarter Hütte zur Leutkircher Hütte nehmen! ). Zum Schluß ging es entspannt durch Blumenwiesen, auschillen und schon ganz weit weg von daheim…

Auch die Leutkircher Hütte war ganz gut besucht, durchwegs freundlich und gemütlich! Die Leutkircher Hütte liegt mit Vogelperspektive über dem Stanzer Tal, zum abendlichen Träumen ganz wunderbar. Dienstags brach wieder ein herrlicher Morgen an. Da aber Gewitter angekündigt waren, genehmigten wir uns nur kurze Pausen. Zum Einlaufen geht es durch morgendlich besonnte Blumenhänge im Auf und Ab zum Kaiserjochhaus. Ein Getränk später folgte der schwierigere Wegabschnitt durch steile Geröllhänge in die Kridlonscharte mit toller Sicht auf den Hintersee, und folgend zum Teil unangenehm querend durch ein sehr steiles Mergelkar zum Hinterseejoch. Wer Waden und Achillessehne mal gescheit trainieren will, ist am Schlussanstieg zum Hinterseejoch genau an der richtigen Stelle 😉

Eine dunkle Wolke schob sich in den Vordergrund

und ich mahnte nach kurzem Atemholen schon zum Aufbruch. Die herausforderndste Passage lag nämlich noch erst vor uns: der Theodor-Haas-Weg an den Südrinnen der Vorderseespitze. Oberhalb des Vordersees ging es steil durch die felsigen, schotterigen Rinnen, mit vielen dünnen Drahtseilen und schmalen Überbrückungen. Für Kraxler ein Genuß, aber auch insgesamt kräftezehrend mit Hüttenrucksack. Es war nun schon recht düster geworden und ich war froh, den Ausstieg erreicht zu haben, da ein Gewitter in den Rinnen sehr unvorteilhaft gewesen wäre. Am Alperschonjoch angekommen, hatten wir jedoch Glück: vorerst war es eine riesige Wolke direkt über der Vorderseespitze und ein paar Sonnenstrahlen trafen uns, sodaß gegen eine schöne kleine Brotzeitpause mit Blick auf die vielfarbigen Berge nichts einzuwenden war. Das Freispitzmassiv und Fallenbacher Turm und – Spitze sahen phänomenal aus im Wolkenspiel und boten eine herrliche Kulisse, die beinahe unübertroffen ist! Da der Weiterweg nun zwar noch bergauf führte, aber deutlich einfacher war, kamen wir gut voran und siehe da: keine halbe Stunde auf der Ansbacher Hütte und das Gewitter kündigte sich mit Sturm und Drang an. Und es tobte ordentlich an diesem Abend! Wir hatten es gemütlich und genossen das wieder sehr gute Essen und ganz besonders die Entspanntheit des Hüttenwirtes, sodaß sich spätestens hier jeder richtig im Urlaub fühlte! Unsere Gruppe war schon richtig zusammengeschweißt, alle waren begeistert vom Weg durch die Lechtaler Alpen. Man muß bedenken, daß dies etwas Besonderes ist: jeder hat seinen eigenen Hintergrund, seine Geschichte, seinen Alltag mit Sorgen daheim und nun verbringt man Tag und Nacht zusammen, ohne sich vorher gekannt zu haben. Am ältesten war Dieter, am jüngsten mit 22 Yannic. Heike war außer mir die einzige Frau und gegliedert war das Ganze in ein Ehepaar, zwei alte Freunde und drei Alleinreisende von 22 – 65 Jahren. Nun saßen wir eng an einem Tisch und keiner wollte Abstand gewinnen oder soziale Netzwerke checken, alle wollten sich austauschen und erzählen, so wie es heute auf einer Hütte weit über dem Tal immer noch möglich ist.

Über dem gegenüberliegenden Verwall mit dem Hohen Riffler und dem Arlberg und auch Richtung Memminger Hütte arbeitete das Gewitter bis zum Morgen. Beim Aufbruch begleiteten uns bereits im Nacken dunkle Wolken aus dem Süden. Ziel des Tages war die Memminger Hütte. Erst über grüne Hänge, dann ansteigend über das Winterjöchel durch ein steiles Geröllkar erreichten wir die Grießlscharte. Dort führt eines der stärksten Drahtseile, die man so kennt, sehr steil bergab über eine schwarze Geländestufe aus schieferigem, mergeligem Gestein mit senkrecht abwärts geschichteten Platten. Das Langkar ist ebenfalls außerordentlich steil zu Beginn, sehr eindrucksvoll und mit Fernblick auf die Memminger Hütte…Vor einigen Jahren überraschte mich hier eine große Steinlawine und unerfahrene Einzelgänger rutschten hilflos auf dem Rücken das steile Schneefeld herunter. Diesmal lag nur noch wenig Schnee im Kar und wir mußten den geschlängelten Kurs durch Geröll und Schotter nehmen, aber wir kamen zügig voran und hörten am Ende des Kares hinter uns schon den Donner grollen. Regenjacken an und eine Minute später Platzregen mit Hagel. Praktischer kleiner grüner Geländeabsatz mit ein paar kleinen Nadelbäumchen und ausgesessen das Ganze. Zum Glück war das Unwetter nicht ganz direkt über uns, und nachdem die Knie eingeschlafen waren , und der Regen langsam etwas nachließ, stiegen wir weiter ab durch wasserüberflutete, erdige Wege. Kurz vor dem Parseierbach kam dann strahlend die Sonne heraus und überredete uns zur verdienten Brotzeit. Ich entschied mich, bei Plan A zu bleiben und den Gegenhang weiter auf dem E4 anstatt weiter westlich auf dem normalen Hüttenanstieg aufzusteigen. Ging sich auch prima aus, denn wie vermutet, trockneten die Wege im Südhang unter der Memminger Hütte schnell ab und wir hatten herrliche Ausblicke auf das zuvor abgestiegene Langkar und den Jägerrücken der Freispitze auf dem ganz kleinen, nicht immer ganz einfachen Steig durch die grasigen Steilhänge. Belohnt wurden wir durch das Kreuzen einiger äußerst überraschter Gämsen und mit einem Pausenplatz am idyllischen Wasserlauf.

Gegen 15:00 erreichten wir die Memminger Hütte. Es gab noch Plätze auf der sonnigen Terrasse und wir schauten ausgiebig durch Andreas` Fernglas. Unfassbar, aber wir sahen erstens den Adler vor dem Jägerrücken der Freispitze und zweitens die vielen Schafe, die sich bis ganz oben auf demselben vorangearbeitet hatten, in diesem extremen Steilgelände, genauestens beobachtet von König Adler. Die Schafe blieben übrigens die ganze Nacht oben, jedenfalls standen sie am Morgen unverändert dort, trotz gewaltigem Gewitter in der Nacht. Erst mal schauten wir uns jedoch noch am wunderschönen Seewisee um, dort beobachteten wir weitere zwei Adler und fette, zottelige Murmeltiere, sowie die gastierenden Haflinger aus Zams.
Am Abend war die Hütte sehr voll, wir vermissten die kleinen gemütlichen Hütten zuvor und ich suchte später etwas Abstand Richtung Oberlahmsjoch. Dort spazierte ich etwas herum und schaute mir die Hütte und das nahende Gewitter aus der Entfernung an. Beim Abstieg stolperte ich über drei Steinböcke, die genau wie ich gar nicht damit gerechnet hatten. Einfach schön, solche Erlebnisse!

Das Krachen des Donners am Abend begleitete uns in den Schlaf und am nächsten Morgen war es wieder klar, aber nicht ganz wolkenlos. Nach dem Aufstieg zur Seescharte zweigt man kurz dahinter linkerhand zum Württemberger Haus ab. Nach einem großen Kar (mal wieder :) ) geht es deutlich bergauf, und auf schmalem Weg durch Schrofengelände erreicht man den Großbergkopf. Da es ziemlich windig war, ging es für uns gleich weiter. Eine ausgesetzte Drahtseilpassage führt kurz bergab, dann geht es durch Schrofen kraxelnd immer schön am Grat entlang auf die Großbergspitze mit 2635m. Ein spektakulärer Weg. Dieser fühlt sich ehrlicherweise mit einer Gruppe der Bergschule hinter sich nochmal anders an als im persönlichen Alleingang, wo man das Ganze nur einfach genießen kann. Aber alle waren mutig und trittsicher und so wunderbar diszipliniert kamen wir zügig auf den Gipfel.

Wieder wurden wir mit ein paar Sonnenstrahlen und einem breiten Lachen im Gesicht belohnt und nahmen Platz für Gipfelschau und Zwischenmahlzeit. Wirklich sehr beeindruckend und man kann auch schon das Württemberger Haus bestens erkennen. Bevor man dort hingelangt, geht es auf dem Grat noch ausgesetzt weiter zum äußerst konzentrierten Abstieg in ein Karstfeld mit beginnender Begrünung. Wir nutzten noch die Sonne aus, und da wir noch Zeit hatten, ließen wir die Landschaft auf uns wirken. Das letzte Wegstück war einfach und die erste Regentropfen fielen. Wirtin Mirjam begrüßte uns herzlich und mit erfrischendem Lachen, eine Vollbluthüttenwirtin mit Liebe und Freude an ihrem Tun! Die geniale Außendusche im Bergbach bewunderte ich zwar, überließ sie jedoch lieber dem kalten Regen und freute mich stattdessen über kaltes Wasser drinnen und die warme Stube. Das Württembergerhaus ist wirklich ganz besonders schön mit seinen zwei liebevoll gestalteten Terrassen und kleinen Details wie dem altmodischen Emaillebecken draußen an der Hausfassade mit Spiegel darüber, in dem sich am schönsten die Felsberge drumherum präsentieren.

Die Übernachtung in einer Berghütte ist sicher nicht jedermanns Sache,

geht es doch auch öfter mal eng zu und in der Nacht ist man eben nicht alleine, man hat nicht diese gewohnte Privatsphäre. Wenn man sich aber darauf einlässt, ist es ein wirklich sehr intensives Erlebnis. Man kann morgens früh und am Abend noch ein paar Schritte gehen, die klare Luft einatmen, die Landschaft und Stille sehen und genießen, die Atmosphäre fernab und weit über dem Tal aufsaugen. Es gibt Gespräche und keine Mediaunterhaltung, das Essen schmeckt einfach, weil man ja auch echten Hunger hat.

Nach einem frühen Frühstück verließen wir unsere letzte Nächtigungsstation und stiegen wieder bergan mit unseren Rucksäcken, unter uns das Tal verhüllt mit Inversionsbewölkung, wir auf dem Weg in die Sonne. Der Übergang ins Bittrich ist steil und mit Drahtseilen versichert, nun nichts Neues mehr. Durch Fels und Geröll in eine grüne Idylle aus Bergwiese, gelbem Hornklee und Steinen drin, wie in einem alpinen Garten. Und in der Mitte der türkisgrüne Bittrichsee! Auf kurvigem Weg und gemeinerweise auch noch mal kurz bergan gelangten wir zum Abzweig nach Gramais über den Branntweinboden. Es geht auf fußbreitem Pfad durch die Latschenkiefern steil nach unten, teilweise an ausgesetzten Stellen versichert. Ein kleines Stück weiter unten hatte das Gewitter der letzten Nacht oder wahrscheinlich die Gewitter der letzten Tage in Summe ganze Arbeit geleistet und einen großen Teil des Weges verschüttet. Ungefähr 100 Höhenmeter ging es über Stock und Stein, dann besserte sich die Lage, und irgendwann kamen wir dann tatsächlich unten an.

In Gramais.

Die kleinste Gemeinde Österreichs, seit dem 14. Jahrhundert offiziell besiedelt, aufgrund der rätoromanischen Flurnamen vielleicht sogar schon früher. Bis nach Häselgehr im Lechtal sind es 8 km, auf einer schmalen Gebirgsstrasse. Die Lage ist großartig, zwischen den alten Häusern überall gewaltige Bergpanoramen. Hier kehrten wir überglücklich in den einzigen Gasthof ein: „Alpenrose“! Und wie gespuckt: nach 5 Minuten Regen und anschließend wieder Gewitter 😀 Nun mußte ich sie wieder abgeben, meine sieben Mitwanderer, meine Schützlinge, ein Band verknüpft uns nun: sechs herrliche, spannende, aufregende und schöne Tage in den Lechtaler Bergen! Jeder in meiner Gruppe war ganz einzigartig, so besonders und es war toll, sich ein bißchen kennenzulernen. Ein bißchen stolz und auch froh war ich, daß wir den ganzen Weg ohne Abstriche haben machen können, nur das Beste vom Besten und alles gut gegangen ist. Und stolz auf jeden Einzelnen in meiner tollen Gruppe, mit ihrem Zusammenhalt und der selbstverständlichen Aufmerksamkeit ! Statistiken von Höhenmetern und Kilometern hatten diese Woche keine Rolle gespielt! Es ging einfach nur ums persönliche Erlebnis! Auf in die Lechtaler! Immer wieder gerne!

Bis bald in den Bergen, eure Sabine

 

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Hallo, ich bin Sabine Manteuffel. Meine Lieblingsbeschäftigung sind Berge! Gehe gern bergsteigen, wandern, klettern und Skitouren. Touren führe ich für den DAV Allgäu-Immenstadt und als Bergwanderführerin für eine Bergschule im Allgäu. Hauptberuflich bin ich selbständig mit meinem Label „Wildfräulein“, Entwurf und Handanfertigung von fescher, junger Outdoorbekleidung aus Loden: www.wildfraeulein.de. Lesen, Schreiben und Fotografieren liebe ich, das gehört für mich einfach zum Leben dazu!

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