Letzte Woche war ich wieder als Bergwanderführerin unterwegs für die  Bergschule Oberallgäu in Burgberg!Mit vier Teilnehmern habe ich herrliche Tage in den Fanes-Dolomiten verbracht. Stützpunkt war die Fanes-Hütte,ladinisch Ücia de Fanes, die auf 2060m mitten im Naturpark Fanes-Sennes-Prags liegt.

Von St.Vigil in Enneberg führt eine 12km lange Strasse zum Gasthof Pederü auf 1548m. Von hier kann man entweder ins Senes-oder Fanes-Gebiet starten. Es gibt einen großen Wanderparkplatz, auf dem das Fahrzeug unentgeltlich abgestellt werden kann. Jede der alpinen Hütte hat eine Garage, in der Gepäck hinterlegt werden kann, welches vom Hüttenwirt zur Hütte gegen Entgelt hinauftransportiert wird. Ein super Service, doch meine vier Teilnehmer kamen gar nicht auf die Idee, sie wollten ihren Rucksack selber tragen! Ich fand das toll, denn einen schöneren Einstieg für eine Tourenwoche gibt es gar nicht: nach langer Anreise langsam aufsteigend zur Hütte den Alltag abstreifen, hinter sich lassen, im Gegenzug langsam in das Neue hineinwachsen. Zwei der Teilnehmer kannte ich schon, die anderen zwei wurden gleich Teil der „Familie“. In Pederü scheint Ende Januar nur ganz kurz am Mittag die Sonne, es ist sehr kalt dort. Wir stiegen immer höher, bis die Sonnenstrahlen uns erreichten. Die Fahrstrasse kürzten wir unterhaltsam auf gespurten Pfaden ab, umgeben von dramatischen Felswänden und -nadeln, typisch Dolomiten!

An der Hütte angekommen, begrüßte uns Frau Mutschlechner aufs herzlichste! Die Fanes-Hütte ist sehr komfortabel ausgestattet, wunderschön liebevoll eingerichtet und dekoriert, sehr gemütlich und Familie und Mitarbeiter sind unglaublich aufmerksam allen Gästen gegenüber, so daß man sich einfach nur wohl fühlt! Vor dem Essen wollte ich meine vier Bergkraxler noch auf das Limojoch führen, um im letzten Tageslicht die überwältigende Landschaft mit den großartigen Gipfeln um die 3000m Marke zu zeigen.

Wir wanderten ohne Schneeschuhe die alte Militärstrasse aus dem Dolomitenkrieg hinauf, nach nur zwanzig Minuten ist man steil über der Hütte auf dem Limojoch, Mittelpunkt der Fanes. Es war wolkenlos, alle Gipfel zeigten sich unverstellt und begehrenswert in ihrer Pracht. Ein Amphittheater – die kleine Fanes-Alm gegenüber , eine Karstfläche eingerahmt von Heiligkreuzkofel, Zehnerspitze und Neuner, nebenan Antoniusspitze und Eisengabelspitzen . Auf unserer Seite die Pareispitze und hinter uns der Stiga. Ein paar Schritte weiter konnte man den berühmten Monte Castello mit dem Friedensbiwak in der Ferne erkennen. Es lag nicht soviel Schnee, wie man sich vielleicht vorgestellt hätte, doch es wirkte unglaublich schön und das Wetter war für die ganze Woche optimal mit durchgehendem Hochdruck und milden Temperaturen vorausgesagt. Beste Aussichten also!

Im Vollmondlicht ging es glücklich hinunter.

Nach dem köstlichen, original ladinischen Essen und mit Vorfreude auf den nächsten Tag beschlossen wir den Abend.

Am nächsten Morgen gings erst mal dran, gemeinsam den Rucksack sinnvoll einzupacken. Wie bringe ich meine Notfallausrüstung unter, wie mache ich am gescheitesten die Scheeschuhe fest. Das LVS-Gerät wurde von mir vorgestellt und erste Test-Töne erklangen. Gemütlich gings erstmal zur 15 Minuten entfernten Lavarellahütte. Dort schnallten wir die Schneeschuhe an und erklommen eine kleine Anhöhe in der Sonne, geeigneter Platz zur LVS-Übung. Ca 2 Stunden übten wir den Umgang mit LVS-Gerät, Schaufel und Sonde und ich erklärte einiges zum Thema Lawinen. Nach einer kleinen Brotzeit mit angeregter Unterhaltung ging es an eine kleine erste Tour. Man braucht von dort bloß auf das zugeschneite karstige Hochplateau mit Namen „Kleine Fanesalm“ hochzusteigen, immer schön in der Sonne, eine Spur gab es noch, zumindest rudimentär. Dort gibt es einen kleinen Berg, mitten im Plateau gelegen, genannt „Schildkröte“. Dieses Ziel steuerte ich nun an. Plötzlich ein Ruf hinter mir : „Gämse“. Ja, großartig, sie sonnte sich auf einem Ausleger der Schildkröte. Es gab auch noch mehr, und das Beste war: ich habe für diese Woche endlich ein Fernglas gekauft, nun konnten wir alles verfolgen! Es war einfach zu schön, wir kamen kaum weiter. Irgendwann erreichten wir dennoch den Gipfel des kleinen Schildkrötenberges, nur zur Brotzeit mussten wir dem Wind ausweichen und ließen uns auf ausgeapertem,warmen Gras nieder.

Das nächste Ereignis ließ nicht lange auf sich warten. Direkt vor unseren Augen ging eine große Lockerschneelawine von den glatten Osthangplatten des Zehners nieder!

Ich spurte quer durch das Gelände Richtung Lavarellahütte zurück. Immer wieder versanken wir in Löchern des karstigen Geländes, aber es machte Spaß und aufgekratzt liefen wir in der Lavarellahütte ein, wo sich der junge Wirt sehr über unser Eintreffen freute! Diese Eingehtour ist deshalb auch toll, weil man die ganze Zeit prächtige Ausblicke hat in dem weitläufigen, welligen Gelände und nicht mehr als 400hm am ersten Tag bewältigen muss.

Der Alltag war schon ganz weit weg und das Essen schmeckte wieder wunderbar…

Morgens um 8:30 LVS-Check und über das Limojoch in die Sonne :) Richtung Monte Castello, immer Richtung Norden. Vorbei am zugefrorenen Limosee, weiter an der Schneemessstation an der ehemaligen Militärbaracke vorbei und weiter abwärts zu Fanesalm, die im Sommer bewirtschaftet ist. Von dort sieht man auch das Ziel in weiter Ferne und kann den ungefähren Schneeschuhanstieg durch das Vallon Bianco einsehen. Nach einer Teepause ging es gleich in die unübersichtlichen Latschen. Der steile Aufschwung war bald geschafft und wir erreichten ein kleines Plateau. Nun ging es durch immer tieferen Schnee , mal feinster Bruchharsch, mal umgewandelter ehemaliger Pulver ohne Bindung, in kupiertem Gelände. Eine Guppe war vor uns, ich bedankte mich im Geiste für die schon mal etwas besser ausgetretene Spur. Trotzdem war es für alle anstrengend. Der kurze Schlußhang am Felsfuss des Monte Castello war steil, ich legte ein paar frische Spitzkehren und (wir) alle mußten nochmal beißen, dann hatten wir das Friedensbiwak erreicht! Nun standen wir auf 2760m. Der Monte Castello war im Dolomitenkrieg ein zentraler Stützpunkt der Österreicher. 1916 war hier sogar eine Seilbahn zum Transport von Kanonen gebaut worden, ein Wahnsinn! Viele Baracken umrundeten den Fuss des Felszahns.

Das Bivacco della Pace, deutsch Friedensbiwak, ist ein Nachbau (alle hier vorhandenen Originalgebäude sind 1962 der Brandstiftung zum Opfer gefallen) , frei zugänglich und kann als Notunterkunft jederzeit genutzt werden. Wir schauderten beim Gedanken an diese Ereignisse und bewunderten die Soldaten, die sich trauten, auf einem äußerst luftigen Donnerbalken Platz zu nehmen!

Inzwischen hatte sich föhnige Schichtbewölkung eingeschlichen. Es wurde ein wenig kalt und wir machten uns wieder an den Rückweg. Vorsichtig ging es den Steilhang hinunter und dann den Weg wieder retour, mit einem Erfolgsgefühl und lachenden Gesichtern bewältigten wir auch noch den Gegenanstieg und nahmen am Limojoch am Kreuz Platz, um in Ruhe die Spätnachmittagstimmung und Stille der großen Berge zu genießen. Wieder lag ein wunderbarer Tag hinter uns, fast 16 km und 850 hm. Am Abend sprachen wir noch über die schweren Kriegszeiten in den Dolomiten, ein Thema, was hier nicht spurlos an einem vorübergeht!

Der nächste Morgen begann wieder strahlend, wir benannten die Tage schon nicht mehr mit Dienstag oder Mittwoch, man ging einfach in die Zeit hinein. Wieder ging es an der Limohütte und an den festgefrorenen Spuren unserer LVS-Übung vorbei, weiter auf dem Sommerweg Nr. 12. Die Markierungen waren zahlreich und gut sichtbar dank der dünnen Schneelage. Eineinhalb Stunden ging es an Wasserfällen vorbei, gestuft bergauf durch Latschen, Bergkiefern und Karstbänke, bis wir einen freien Rücken erreichten, von dem man erstmals unser Tagesziel, die Kreuzkofelscharte sichten konnte. Ab hier ging es über das große Faneshochplateau in weitläufiger Art, Seen und Felskuppen umrundend, immer gegen Westen. Ein Schneehuhn erschreckte sich vor uns, wir waren ehrfürchtig und respektvoll leise, und auch froh über die Schneeschuhe. Durch die wieder aufgetretene Föhnbedeckung hielt auf größeren Teilen der Harschdeckel, doch dann brach man wieder kräftezehrend ein.Die alte Spur war mindestens eine Woche alt und kaum zu erkennen, trug uns aber meist, solange man ihr treu blieb. In großer Einsamkeit überholte uns dann ein einzelner Tourengeher, ebenfalls mit Schneeschuhen. Das wellige Gelände verschluckte ihn wieder. Große Verwehungen, beeindruckende Löcher und Bergstürze formten die Landschaft. Man ahnte immer mehr die näherrückende Felskante, die uns vom 1300m tiefer gelegenen Abteital wie eine Burgmauer trennte. Auf einmal war sie da und wir atmeten tief durch und jodelten wie es sich gehört. Ein erhabener Anblick, unten klein die Orte und Skilifte, gegenüber der Sellastock und dahinter die Langkofelgruppe, links die Marmolada mit ihrem Gletscher. Und ganz im Westen strahlendes Blau des Himmels und Sonne. Die Kreuzkofelscharte ist 2612m hoch, der Gipfel ist noch ein gutes Stück entfernt, zu weit für uns heute. Wir blieben nicht allzulang, der Wind kühlte uns aus. Später genossen wir an einer winddichten Stelle eine Pause auf einem Grasfleck, fast schon besinnlich. Auf dem Rückweg kehrten wir nochmals in die Lavarellahütte ein, um die Wanderung abzurunden.

Unser letzter großer Wandertag war bestimmt für die Pareispitze. Die letzten Tage konnte man sie von allen Seiten bewundern, der Schnee wurde immer geringer. Den Wegverlauf konnte ich von den Gegenhängen zum großen Teil schon ausmachen, doch täuscht es oft, denn grad auf den Wegen bleibt der Schnee oft länger liegen. In aller Morgenfrische bei -1 Grad Celsius stiegen wir zum Limojoch auf, umrundeten den zugefrorenen See und stiegen im Schatten ins Hochtal auf. Die Schneeschuhe brauchten wir nicht mehr, man konnte gut die Graspolster ausnutzen und den zunehmend auftauenden Weg. Eine größere vereiste Fläche mußte umgangen werden, dann waren wir vollends in der Sonne auf der weitläufigen Schulter. Ein uriger Wegweiser aus einem verdorrten Ast wies zum Ziel , direkt hinter den verfallenen Barackenresten der Schützenstellung. Auch hier wurde damals geschossen. Wir tranken ganz zivil Tee und nutzten das Fernglas, um die kleine Herde Steinböcke zu beobachten, die auf einem ziemlich schwer erreichbaren Buckel direkt vor uns in aller Ruhe das Gras abmähten.

Ja, die haben es schon gut! Das Gipfelkreuz leuchtete schon. Der Südrücken war bald erobert, zwei,drei etwas schwierigere Stellen,die noch schneebedeckt waren, dann waren wir auf 2795m.

Das war wirklich die Krönung der Woche! Ein Rundumblick vom feinsten, nach Süden zum Antaleo, westlich Marmolada und Sella, östlich Hohe Gaisl, dahinter die drei Zinnen, und im Norden der Alpenhauptkamm, soweit das Auge reichte. Wildspitze, Hochfeiler, Großvenediger und Großglockner konnte man gut erkennen. Es ging kein Wind, es war warm und so genossen wir eine gute Dreiviertelstunde das Panorama, bis ich zum Abstieg rief. Mit Vorsicht ging es wieder bis auf den Sattel, hier legten wir uns nochmal ins Gras, zum Steinböcke beobachten. Ziemlich weit unten trafen wir auf die einzigen zwei Bergsteiger des Tages, die noch auf den Gipfel wollten.

Genüßlich bummelten wir nach unten , um auf der Hüttenterrasse die Sonne noch etwas zu genießen. „Heut ist die Sonne am Nachmittag zum ersten Mal über den Stiga gekommen!“ verkündete uns froh unsere Bedienung! Es wird Frühling…

Am nächsten Tag gingen wir vor dem Frühstück nochmal auf das Limojoch, um den Sonnenaufgang anzuschaun.Trotz morgendlicher Bewölkung schön! Später nahmen wir in aller Sonnenpracht von der Hütte, der Familie Mutschlechner, die sich die ganze Woche toll um uns gekümmert hat, und der liebgewordenen Umgebung Abschied. Es war Zeit, um noch nicht gemachte Fotos nachzuholen, beim Abstieg alle Felszacken vor königsblauem Himmel einzufangen. Die Strasse wurde unten immer vereister, es hatte über 20 Tage nicht geschneit, und in Pederü ist es sehr schattig. Im Gasthaus ein letzter Cappuccino, dann ging es wieder heim. Unsere kleine Gruppe war zusammengeschweißt worden und es war eine sehr harmonische Zeit. Auf der Fahrt war dann ja lang genug Zeit, um langsam wieder in den Alltag hineinzukommen.

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Hallo, ich bin Sabine Manteuffel. Meine Lieblingsbeschäftigung sind Berge! Gehe gern bergsteigen, wandern, klettern und Skitouren. Touren führe ich für den DAV Allgäu-Immenstadt und als Bergwanderführerin für eine Bergschule im Allgäu. Hauptberuflich bin ich selbständig mit meinem Label „Wildfräulein“, Entwurf und Handanfertigung von fescher, junger Outdoorbekleidung aus Loden: www.wildfraeulein.de. Lesen, Schreiben und Fotografieren liebe ich, das gehört für mich einfach zum Leben dazu!

 

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